(HP) Auch der äußerste Norden Frankreichs hat einiges für Architekturliebhaber zu bieten. Besonders vorteilhaft ist dabei die Nähe, denn über die Niederlande und Belgien dauert es gerade mal dreieinhalb Stunden, bis man Nord-Pas-de-Calais erreicht. Neben den flämisch geprägten Stadtzentren wie in Lille gibt es auch moderne Architektur zu entdecken.

Ein besonders schönes Beispiel ist da sicherlich die Villa Cavrois in Croix bei Lille. Dieses Einfamilienhaus der Industriellen-Familie Cavrois wurde in den Jahren 1929 bis 1932 von dem Architekten Robert Mallet-Stevens geplant und erbaut. Damals erschien es wie ein Luxusschiff, das mit seinem gelben Klinker und stolzen 1840 m² Wohnfläche vor den Toren Lilles vor Anker gegangen ist.

Wundervolle Entdeckungsreise

Die klare Formensprache, die sich gleichermaßen in Gebäude, Inneneinrichtung und Aussenanlagen wiederfindet, macht den Besuch zu einer wundervollen Entdeckungsreise. Immer wieder entdeckt man wunderschöne Details, die sorgsam aufeinander abgestimmt sind. So wurden etwa die Vertikalfugen in dem gleichen Ockerton wie die Klinker ausgemalt, um die horizontale Wirkung des Gebäudes noch zu verstärken.

Auch die Innenräume, die mit Originalmöbeln beziehungsweise Originalnachbauten ausgestattet sind, begeistern den Besucher mit Ihrer Formgebung, die der jeweiligen Nutzung angepasst ist. Zimmer und Bäder sind groß, modern und hell, aber nicht protzig.

Zeitloser Entwurf

Die Gestaltungsgrundlagen wurden vom Haupthaus auch auf die Nebengebäude übertragen, wie etwa das Pförtnerhaus, in dem sich heute der Eingang zum „Centre des Monuments Nationaux“ befindet.

Das Besondere an diesem Gebäude ist nicht nur der schöne, zeitlose Entwurf von vor über 85 Jahren, sondern die Renaissance, nachdem es als runtergekommene Ruine vergessen und fast abgerissen wurde.

Im Zeitraum von 2003 bis 2015 wurde die Villa umfangreich restauriert und wiederbelebt. Dieser Architektur-archäologische Prozess wird im Untergeschoss mit Filmen und Exponaten vorgestellt. Die Sanierung kostete über 20.000.000 Euro, doch seitdem das Gebäude im Jahre 2015 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, geben sich staunende Besucher die sorgsam designte und rekonstruierte Klinke in die Hand.

Tipps für weitere architektonische Ziele

Wer dann noch weitere architektonische Ziele in Nordfrankreich sucht, dem seien Besuche von
Euralille (Einkaufszentrum aus dem Jahre 1994 von Christian de Portzamparc) in Lille;
Louvre Lens (Museum-dependance aus dem Jahre 2012 von Sanaa) in Lens;
FRAC (Museum für zeitgenössische Kunst aus dem Jahre 2013 vom Büro Lacaton & Vassal) in Dünkirchen empfohlen.

Freunde des französischen Kinos können zusätzlich noch in Bergues die Originalschauplätze des Kinofilms „Willkommen bei den Sch’Tis“ besuchen und im café de la poste einkehren.