Das GugaCarree in Essen ist fertiggestellt

DER WETTBEWERB 
Im Jahr 2003 schrieb die THS Treuhandstelle GmbH Gelsenkirchen eine Mehrfachbeauftragung für ein großes Wohnungsbauprojekt in Essen aus. Eingeladen waren die Büros Petzinka Pink und Partner aus Düsseldorf, Gerber Architekten aus Dortmund und Koschany+Zimmer Architekten KZA aus Essen. Die Düsseldorfer Architekten und KZA erhielten den Zuschlag und damit die Aufgabe, ihre im Wettbewerb sehr unterschiedlichen Konzepte miteinander zu verknüpfen.



DER ORT 
Das Grundstück befindet sich auf dem Areal der ehemaligen Festwiese, am südlichen Rand der Kernstadt, gelegen im Übergang von blockhaften in offene Strukturen, vom Wohnungs- zum Bürobau, zwischen Gruga-Park und Messe sowie dem beliebten und lebendigen Stadtteil Rüttenscheid. Ein Ort, der nach dem Bau der Hochtief-Hauptverwaltung seit Jahren in seiner Entwicklung stagnierte, obwohl er aufgrund seiner Lage und Erschließung (und des kurzen Wegs nach Düsseldorf) optimale Entwicklungspotentiale besitzt.


Aber unter anderem den unterschiedlichsten Einflüssen, Vorgaben und offenen Perspektiven rund um die Messe Essen ausgesetzt, ruhten die Projekte, bis mit dem Bau der THS im Jahr 2005 das zweite der sechs Baufelder in Angriff genommen wurde. Mit der Entscheidung der Eon Ruhrgas, hier auch ihre neue Konzernzentrale zu errichten, ist nun wieder Schwung in die Entwicklung des Areals gekommen.

DIE AUFGABE 
Ein Gebäude an der beschriebenen strukturellen Nahtstelle muss auf die städtebaulich heterogene Situation reagieren und sie zusammenbinden.
Gleichzeitig hat der Bau dem Anspruch an eine „unaufgeregte“ und dennoch unverwechselbare Architektur für hochwertige, individuelle Wohnungen gerecht zu werden, in der sich vor allem die Bewohner – trotz der hohen Anzahl an Wohnungen und der damit verbundenen, relativ dichten „sozialen Nähe“ -  wohlfühlen und die Anlage mit individuellem wie nachbarschaftlichem Leben füllen.
Und das alles in einem für den Bauherrn akzeptablen wirtschaftlichen Rahmen.


DIE STRUKTUR 
Die im Gutachten vom Bauherrn gewünschte Anzahl von ca. 100 Wohnungen erforderte eine fast geschlossene Bebauung des Grundstückes entlang der vier, das Baufeld umgebenden Straßen bzw. Wohnwegen.
Ein gänzlich geschlossener Wohnblock, als „Einzelgänger“ in der auch zukünftig eher offenen und heterogenen Struktur des Areals wäre indessen zum Fremdkörper geworden, der seine Umbebung ausschließt und zudem eine Individualität des Wohnens, eine Eigenständigkeit der „Adresse“ erschwert hätte.


In der Konsequenz entwarf KZA im Wettbewerb die Struktur vier miteinander verschränkter Baukörper, die sich an den Grundstücksecken jeweils über- bzw. untereinander schoben und auf die Weise großzügige, zueinander versetzte mehrgeschossige Öffnungen und Durchgänge ausbildeten. Sie gewährleisteten Querungen, Terrassen sowie, Ein-, Aus- und Durchblicke aus den verschiedensten Richtungen und Perspektiven. Die großzügigen Einschnitte öffneten auf diese Art den Block, machten aus allen Perspektiven immer mehrere Baukörper und ihre Verschränkung gleichzeitig erlebbar und schufen interessante Räume. Gleichzeitig hielten sie die vier Bauteile in ihren Ecken wie ein Gelenk zusammen.


Nach der Aufteilung des Grundstückes in zwei L-förmige Baufelder, die jeweils vom Büro Petzinka, Pink und Partner sowie Koschany+Zimmer Architekten KZA beplant wurden, konnte KZA mit zwei Baukörpern zumindest einen Teil seines ursprünglichen Konzeptes umsetzen und die darin entwickelten Qualitäten realisieren.


DER ENTWURF 
Die Struktur des ursprünglichen Konzeptes ist Grundlage für den überarbeiteten Entwurf geblieben:
Zwei Baukörper, der eine weiß, geschwungen entlang der Messeallee, der zweite in Grautönen im rechten Winkel dazu entlang der Luxemburger Straße angeordnet, schieben sich, durch eine Fuge getrennt, in der gemeinsamen Ecke über- und untereinander, lösen die Ecke auf und bilden gleichzeitig den großzügigen Eingang in das Innere des Blocks wie auch den Einschnitt für Dachterrassen und den Blick in das Blockinnere – und daraus hinaus.


Während die Farbigkeit der Baukörper ihre jeweilige Eigenständigkeit als Teil der Gesamtstruktur betonten, unterstreicht die Struktur der Fassaden die Zusammengehörigkeit beider Gebäude. Während die Hofseiten eine ruhige Lochfassade erhielten, lösen sich die Straßenseiten in Decken- und Wandscheiben auf, zwischen denen sich über die ganze Breite Loggien und Balkone spannen. Die horizontal gegliederten Gebäuden zeigen durch die unterschiedlichen Tiefen der Loggien ein abwechslungsreiches Spiel von Licht und Schatten. Dies wird von den hölzernen Schiebeelementen noch verstärkt, die, sich immer in  unterschiedlichsten Positionen befindend, der strengen Außenhaut eine spielerische Leichtigkeit verleihen. Auf der Hofseite übernehmen rote Balkonelemente diese Aufgabe. Wie zufällig in verschiedenen Größen und Positionen verteilt, scheinen sie der klaren Gliederung der Fassade einen Streich zu spielen.


Die Treppenhäuser gliedern die horizontale Ausrichtung der Baukörper vor allem zu den Straßen hin und bilden die Adressen aus; das Treppenhaus an der „Schnittstelle“ der Gebäude leitet entlang einem Wasserbecken in den grünen Innenhof.


Die bewusst gesetzten Abstände zwischen den Bauten der beiden Architektenbüros nehmen den Gedanken des ursprünglichen KZA-Konzeptes auf, den Block an allen vier Ecken zumindest teilweise zu öffnen und durchlässig zu gestalten.


Zusammengehalten werden die sehr unterschiedlichen Entwürfe durch einen aus der Höhenentwicklung des Grundstückes entwickelten grünen Sockel, der bis auf den Bereich der Prager Straße um die gesamte Anlage läuft. Er schafft die notwendige Privatheit und Distanz zum öffentlichen Straßenraum und den Platz für private Gärten. Eine stilisierte Tulpenblüte – frühes Symbol des naheliegenden Grugaparks , schmückt die umlaufenden Einfassungselemente des Sockels. Einschnitte in jenen grünen Sockel definieren die verschiedenen Ein- und Durchgänge.


DIE ERSCHLIESSUNG 
Die Wohnanlage liegt zwischen der Moritzstraße im Norden und
(Extern) der südlichen Messeallee, über die sie an die Alfredstraße bzw. B 240 und die Norbertstraße angebunden ist. Von hier führen Auffahrten direkt auf die Autobahn A 52.


Die durch Luftkanäle natürlich belüftete Tiefgarage mit insgesamt 111 Stellplätzen ist über eine Rampe an der Messeallee erschlossen. Über die Tiefgarage findet auch die Müllentsorgung der Anlage statt.
Sämtliche Hauseingänge orientieren sich nach außen zu den vier Straßen bzw. Wohnwegen, als „Adressen“ deutlich hervorgehoben durch die Einschnitte in den grünen Sockel und die Ausbildung der Fassade. Sie sind alle aber auch über den Innenhof zu erreichen und zudem grundsätzlich an die Tiefgarage bzw. die Ebene der Kellerräume angebunden.


DIE ERSCHLIESSUNG 
Die Wohnungen sind über insgesamt sechs Treppenhäuser (Intern) erschlossen. Alle Treppenhäuser sind über den Innenhof barrierefrei zu erreichen und mit entsprechenden Aufzügen ausgestattet. Je nach Lage der Treppen im Gebäude sind diese ein- oder zweiläufig ausgebildet.


DIE WOHNUNGEN 
Ein Mix aus modernen, hellen Zwei– bis Fünf-Zimmer-Wohnungen zwischen 85 m² und 170 m², eingeschossig oder als Maisonette konzipiert, führt zu insgesamt  57 Einheiten im Bauabschnitt von KZA.


Die entwickelten Wohnungszuschnitte ermöglichen „klassische“ Grundrisse wie auch „modernes“, offenes Wohnen. In großen Teilen bis auf den Boden reichende Fenster lassen viel Tageslicht in die Räume und die großzügig zu öffnenden Schiebetür-Anlagen entlang der Loggien erweitern den Wohn- und Essraum bei entsprechender Witterung bis nach draußen.
 Geschoss hohe Schiebe-Elemente aus Holzlamellen bilden zudem einen beweglichen, transluzenten Filter vor den Loggien, definieren immer neue Ausblicke, bieten Schatten und gleichzeitig Schutz vor Einblicken von außen.


Im Kopf des Gebäudes an der Messeallee befinden sich die großen, mehrgeschossigen Wohnungen. Galerien und großflächige Verglasungen führen hier zu einem beeindruckenden Raumerlebnis mit Ausblicken in das nahe Grün.


DIE TRAGWERKSPLANUNG 
Ziel der Tragwerksplanung war es, die Projektziele Qualität, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit auch im Bereich der Konstruktion konsequent zu verfolgen und erfolgreich umzusetzen.
Mit Hilfe eines strukturierten Bewertungsverfahrens, mit welchem die erarbeiteten Tragwerksvarianten hinsichtlich der Kriterien Kostenaufwand, Zeitaufwand, Nutzungs- und Installationsflexibilität, Schallschutz, Wärmedämmung, Konstruktionshöhe und Konstruktionsgewicht beurteilt wurden, konnte schließlich die Lösung identifiziert werden, die unter den bekannten Planungsrandbedingungen für den Bauherrn von größtmöglichem Wert ist.
Aufgrund ihrer großen Rohbaukostenrelevanz wurde für die Geschossdecken, die Bauteile der weißen Wanne im UG sowie die Gründung ein ausnehmend hoher Grad an wirtschaftlicher Optimierung angestrebt.
Von besonderem Interesse bei der Tragwerksplanung war einerseits die erstmalige Anwendung der neuen DIN 1045 für die Bemessung von Stahlbetonbauteilen und andererseits der Umgang mit den Planungsgrenzen, der aufgrund der Aufteilung der Planungsaufgabe auf zwei Teams erhöhte Anforderungen an die Koordination aller Mitwirkenden stellte.


DIE KONSTRUKTION  
Die Decken über den oberirdischen Geschossen sind als Stahlbetonflachdecken, diejenigen über dem Untergeschoss teilweise auch als Stahlbetonunterzugsdecken geplant worden. Zur Reduktion der Bauzeit wurden sie dort, wo es sinnvoll möglich war, in Teilfertigteilbauweise mit Filigranplatten hergestellt; die Decken über dem sechsten Obergeschoss wurden „zur“ Gewichtsersparnis des Staffelgeschosses als Holzbalkendecken geplant.
Die Wände sind aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und wegen ihrer Wärmedämmeigenschaften als Mauerwerksbauweise errichtet worden. In Bereichen, die besondere Aufgaben für die Gebäudeaussteifung übernehmen oder zu den Bestandteilen der weißen Wanne gehören, wurden Stahlbetonwände angeordnet. Die Außenwände im sechsten Obergeschoss sind aus bauphysikalischen Motiven teilweise als Holztafelwände und teilweise als Mauerwerkswände realisiert worden.
Die Stützen wurden in den Obergeschossen als runde und im Untergeschoss als rechteckige Stahlbetonstützen entworfen, während sich  im sechsten Obergeschoss größtenteils Holzstützen finden, die an wenigen Stellen durch solche aus Stahlbeton ergänzt werden.
Aufgrund der einspringenden Balkone im Bereich der beiden straßenseitigen Fassaden, die aus architektonischen Gründen als Sichtbetonkonstruktion ausgeführt werden sollten, wurde ein spezielles Fassadenkonzept entwickelt. Die Balkonplatten wurden überall durch Isokörbe thermisch von den Geschossdecken getrennt. Dies war ebenso bei den vertikalen Stahlbetonelementen erforderlich, welche die Wandfortsätze der Treppenhaus- und der Wohnungstrennwände bilden. Von besonderem Interesse war dabei der Umgang mit den durch Temperaturschwankungen verursachten Längenänderungen der außenliegenden Stahlbetonelemente.
Die Gründung wurde infolge der Neigung der Bodenschichten nur in einem Teilbereich als Flachgründung geplant, in weiteren Abschnitten hingegen eine mit Magerbeton tiefergeführte Gründung sowie eine Pfahlgründung mit bewehrten Bohrpfählen verwirklicht. Die Bodenplatte bildet einen Bestandteil der weißen Wanne und wurde fugenlos realisiert, außerdem musste sie im Bereich der Tiefgarage zum Schutz vor Taumittelangriff mit einer rissüberbrückenden Beschichtung versehen werden.

DER LASTABTRAG 
Die vertikalen Lasten aus Eigengewicht, Verkehr und Schnee werden über die Geschossdecken in die Stützen und Wände eingeleitet. In den Decken über dem Untergeschoss geschieht dieser Lasttransfer teilweise über die Unterzüge. Im allgemeinen werden die Vertikallasten dann direkt über die Gründung in den Baugrund abgeleitet. In einigen Sonderbereichen werden die Stützen und Wände aus Gründen der Nutzbarkeit über Unterzüge oder Wandscheiben abgefangen und die Lasten somit umgeleitet. Einer dieser Bereiche ist beispielweise. die Decke über dem ersten Obergeschoss im Verschneidungsbereich der beiden Gebäudeflügel. Die Außenwände des sechsten Obergeschosses springen darüber hinaus zwischen 1 – 2 m im Vergleich zu den Außenwänden des fünften Obergeschoss nach innen und bilden somit das Staffelgeschoss: Die Vertikallasten werden dort lediglich über die Decken in die Stützen und Wände des fünften Obergeschosses weitergeleitet.
Die horizontalen Lasten aus Wind und einer etwaigen unbeabsichtigten Schrägstellung der vertikalen Bauteile werden über die Geschossdecken in die aussteifenden Wände abgetragen, diese leiten die Horizontallasten im allgemeinen direkt in die Gründung ein. In Teilbereichen der Treppenhauskerne konnten die Wände im Untergeschoss aufgrund der Stellplatzsituation aber nicht vertikal durchgängig geplant werden: Hier mussten die Lasten über die Unterzüge unter der Gebäuderückwand, auf denen die Enden einiger Treppenhauswände abgesetzt wurden, abgetragen werden; die aussteifenden Wände im Untergeschoss leiten ihre Lasten dann über die Gründung in den Baugrund ab.


DER AUSSENRAUM 
Der die Anlage fast durchgängig umlaufende grüne Sockel wie die Ausbildung des Innenhofes mit bis zu 80 cm Überdeckung der Tiefgarage und der Ausformung eines Spielplatzes kompensieren große Teile der Versiegelung und sorgen für einen optimalen „Grünausgleich“ im direkten Umfeld der Wohnungen, der den Bewohnern zugute kommt.
Flächen für private Gärten und großzügige „Durchwegungen“ bieten zudem Raum für eine vielfältige Nachbarschaft.


Die durch den Versatz der Baukörper entstehenden Durchlässe und Einschnitte öffnen die Anlage und bilden zum Vorteil des Kleinklimas – im Gegensatz zum geschlossenen Block – „Frischluft-Schneisen“ aus.



 Dipl.-Ing. Axel Koschany Architekt BDA
 Koschany + Zimmer Architekten KZA, Essen


 Dipl.-Ing. Christian Wrede
 Arup GmbH, Düsseldorf