Preisverleihung der MGG Montan-Grundstücksgesellschaft mbH am 11. Dezember 2006 auf Zollverein
DER ORT
ZOLLVEREIN
Die Einzigartigkeit des Gesamtensembles „Zollverein“ besteht nicht nur in ihrem Status als UNESCO Weltkulturerbe im Sinne des „klassischen“ Denkmals, sondern vor allem in dem Umstand, ein Weltkulturerbe zu sein, das seine ökonomische Nutzungskonzeption innerhalb einiger Jahre komplett verändert.
Damit geht die zukünftige Entwicklung weit über eine museale Erhaltung hinaus. Der respektvolle und zugleich progressive Umgang mit den vorhandenen Strukturen war entscheidend für die Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO.
Die ungewöhnliche Herauforderung der Entwicklung „Zollvereins“ liegt im Ziel der Transformation von Nutzung und Substanz des Standortes auf der einen und der Respektierung des baulichen (Kultur-) Erbes auf der anderen Seite.
Alle neuen, baulichen Ergänzungen sind als solche deutlich ablesbar und nehmen sich in ihrer Erscheinung zurück.
Der Erhalt der Gebäude-Substanz, das sensible Herausarbeiten der baulichen Qualitäten und Besonderheiten der Bauten sind wesentlicher Bestandteil des unverwechselbaren Charakters, der das „Zunft[viertel]“ auf Zollverein ausmachen soll.
Das ist der Maßstab, der an neue Projekte und Inhalte auf „Zollverein“ angelegt werden muss.
Durch Projekte wie das zukünftige Ruhrmuseum und das Besucherzentrum in der Kohlenwäsche, das seit August 2006 die Besucher der „Entry“ empfängt sowie die Design School Zollverein wird die Attraktivität und Einzigartigkeit des Areals weiter erhöht. Gleichzeitig werden die Veränderungen nun sicht- und erlebbar und so noch mehr als bisher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
KOKEREI
Die Kokerei, wie die Zeche von den Architekten Schupp und Kremmer geplant, wurde in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut. Einem strengen orthogonalen Masterplan folgend wirkt ihr Gelände trotzdem sehr heterogen und lebendig. Einzelgebäude und Gebäudegruppen unterschiedlichsten Maßstabs prägen den Ort, verbunden von einem dichten Netz von nach wie vor mit Leitungen bestückten Rohrbrücken.
Noch liegt der Schwerpunkt der Entwicklung im Bereich der Zeche, aber langsam gerät auch die Kokerei in den Focus neuer Konzepte.
KAMMGEBÄUDE
Die Kammgebäude sind eine der größeren Gebäudegruppen auf dem Kokereigelände. Sieben durch einen nördlich verlaufenden Gang miteinander verbundene Backstein-Gebäude unterschiedlicher Tiefe bilden im Schatten der großen Kühltürme der Kokerei diesen Komplex. Ein gewaltiges Leitungs-„Paket“ auf dem Verbindungsgang prägt die Nordseite der Anlage.
Im Süden stehen den Kammgebäuden unterschiedlich große Ventilatoren-Gebäude aus Beton und ein kleiner Kühlturm gegenüber.
So entsteht ein gefasster und lebendiger Innenbereich mit Vor- und Rücksprüngen unterschiedlicher Tiefe, ein geschützter und ruhiger Bereich inmitten der ehemaligen Industrieanlage.
DIE AUFGABE
Das Konsumverhalten den Menschen verändert sich. Neben dem Blick auf den günstigsten Preis suchen immer mehr Menschen Produkte hoher Qualität. Dies betrifft alle Bereiche der Produkte. Die Art der Herstellung, die zu Grunde liegenden Materialien oder Lebensmittel und die Menschen, die hinter den Produkten stehen, spielen dabei für die Konsumenten eine zunehmende Rolle.
Gleichzeitig werden die Orte, an denen diese Produkte probiert und gekauft werden können, immer wichtiger, ihre Authentizität im Zusammenhang mit dem Produkt, den Käufern und Interessenten sowie den Anbietern.
Einen solchen Ort will die DIE ZUNFT AG in den Kammgebäuden „auf Zollverein“ schaffen. Auf insgesamt ca. 12.000 m² sollen Flächen für Ateliers, Werkstätten, Manufakturen, Geschäfte und Gastronomie entstehen.
Ein unverwechselbarer Ort, geprägt von der Architektur der Architekten Schupp und Kremmer, den Räumen, die sie entstehen lässt und der Qualität der Produkte, die dort zu sehen, zu riechen, zu probieren, zu genießen und letztlich zu erwerben sind, ein Markt der Manufakturen – das Zunftviertel.
DAS KONZEPT
Um die notwendigen Flächen für die angestrebte Vielfalt zu erreichen, müssen sowohl die gegenüberliegenden drei Ventilatorengebäude, der Raum zwischen ihnen, der Kühlturm sowie ca. zwei Drittel des Innenbereichs in das Konzept mit einbezogen werden.
Ein leichtes, durch den Einsatz von ETFE-Folienkissen nahezu durchgängig transparentes Dach lässt im mittleren Bereich des Innenhofs einen Raum zwischen Innen und Außen entstehen, eine „Halle der Manufakturen“. Ein Raum für die leichten und veränderbaren „Marktstände“ der Manufakturen, der nicht als gedeckte Halle, sondern eher wie ein Außenraum wahrgenommen und empfunden wird – und so den besonderen Charakter des Innenbereichs nahezu ungestört erhält.
Seitlich der Halle entstehen vor den Zugängen gefasste Vorbereiche. Im Westen über die südliche Ecke geöffnet, im Osten der große „Zunft-Platz“. Er wird im Norden gefasst von dem Gang und den letzten Gebäuden des Kammes, im Süden von dem freistehenden, kleinen Kühlturm. Ein offenes und doch geschütztes Entre, noch außerhalb der Gebäude und gleichzeitig bereits ein räumlicher Übergang ins Innere.
Die bestehenden Gebäude, der Gang, die „Zinken“ des Kammes sowie die Ventilatorengebäude nehmen die Ateliers, Manufakturen und Geschäfte auf, zwischen den Ventilatoren ergänzt durch zwei Gebäude, die sich deutlich vom Bestand absetzen und so als Ergänzungen wahrnehmbar sind.
DER ENTWURF
Von außen erscheint die Anlage der Kammgebäude auf den ersten Blick unverändert. Auf der Nordseite fällt nur der vergrößerte Zugang auf. Betritt man den Bereich zwischen den Gebäuden, werden die Veränderungen sichtbar:
Der Zunftplatz
Von der Parkplatzanlage im Osten erreicht man, an der im östlichsten Kamm untergebrachten Verwaltung vorbei, den Platz vor der Halle der Manufakturen. Eine Baumgruppe nimmt an seiner nördlichen Kante den Platz des hier fehlenden Kammgebäudes ein und holt das Grün des Umfeldes ins Innere. Im Süden setzt der freistehende Kühlturm den baulichen Akzent. Die hierin untergebrachte Gastronomie lässt zum einen den spannenden Innenraum seiner Konstruktion erleben und bespielt mit seinen Tischen zum anderen den Platz, der einlädt zum Verweilen, Gucken – zu Aufführungen und Konzerten, Freiluftkino und Präsentation.
Die Halle der Manufakturen
Vom Platz aus betritt man die große Halle. Sie ist der große Marktplatz im Zentrum der Anlage, belebt und genutzt von den Ausstellungs-Ständen der Manufakturen und zentralen Gastronomiebereichen. Eine leichte Stahlkonstruktion, zwischen die bestehenden Gebäude eingestellt und mit leichten, kaum wahrnehmbaren Folien-Kissen geschlossen, schützt den Innenraum ohne sich baulich aufzudrängen.
Die Ventilatoren
Aus der Halle heraus sind nahezu alle Gebäude direkt zu erreichen. Die im Süden stehenden Ventilatoren-Gebäude und ihre baulichen Ergänzungen nehmen die verschiedenen Geschäfte auf, die Teil des Gesamtkonzeptes sind. Ausgesuchte Sortimente hoher Qualität werden hier angeboten. Die Gebäude erhalten eine zweite, neu eingezogene Ebene, um die notwendigen Flächen zu erreichen, die Untergeschosse werden für die Gebäudetechnik herangezogen.
Der „Einbau“ der beiden gläsernen Zwischenbauten unterstreicht in der Betonung der Gegensätze die Massivität und Geschlossenheit der Betonkuben der Ventilatoren-Gebäude und ihrer markanten runden Öffnungen.
Die Kammgebäude
Über die jeweiligen Türen vor Kopf betritt man aus der Halle heraus die jeweiligen Kammgebäude. In ihnen befinden sich die Manufakturen, den Gebäuden zugeordnet nach den jeweiligen Themen. So findet man Manufakturen für Textil, Küche, Schmuck, Leder und vieles mehr. Die Besucher erleben in den hohen Gebäuden den direkten Umgang mit den verschiedenen Materialen, die Herstellung der Produkte.
Flache Einbauten, leicht und transparent zwischen die Kammgebäude geschoben, ergänzen die fehlenden Flächen bzw. nehmen im Bereich des nördlichen Einganges den Infostand und die WC-Anlagen für die Besucher auf.
Die beiden jeweils äußeren Kammgebäude sind zweigeschossig. Der Bau im Westen nimmt eine Manufaktur für Möbel auf, die ehemaligen Trafotüren als Schaufenster nutzend. Im östlichen Bau befindet sich die Verwaltung des Zunftviertels.
Der Gang
Der, die Kammgebäude im Norden miteinander verbindende Gang wird in seiner inneren Struktur gedreht:
Um die hier untergebrachten Ateliers mit Tageslicht zu versehen, werden sie an die Außenfassade gelegt, während der Erschließungsgang nun innen verläuft und auf diese Weise Ateliers, Manufakturen und die neuen, eingestellten Räume sämtlich direkt am Gang liegen. So ist er neben der Halle der Manufakturen die zweite Haupterschließung in Längsrichtung des Zunftviertels und bietet Orientierung und Einblicke in alle wesentlichen Bereiche.
DIE SUBSTANZ
Die Auflagen des Denkmalschutzes gelten beim Umgang mit den Gebäuden als Richtlinie. Der in den vorliegenden Gutachten beschriebene Erhalt von technischen Ausrüstungs- und Maschinenteilen soll möglichst in die neuen Funktionen integriert werden.
Alle bestehenden Gebäude werden nur soweit saniert und wieder in Stand gesetzt, wie es die neue Funktionen und Inhalte erfordern. Gleiches gilt für den Umgang mit Öffnungen in den Fassaden. Neue Fenster und Zugänge werden nur dann eingebaut, wenn es die funktionalen Zusammenhänge oder Auflagen der genehmigenden Behörden erfordern.
Alle neuen, baulichen Ergänzungen sind als solche deutlich ablesbar und nehmen sich in ihrer Erscheinung zurück.
Der Erhalt der Gebäude-Substanz, das sensible Herausarbeiten der baulichen Qualitäten und Besonderheiten der Bauten sind wesentlicher Bestandteil des unverwechselbaren Charakters, der das „Zunft[viertel]“ auf Zollverein ausmachen soll.
